Personal

Gesucht: Fachkraft 4.0

Von Daniel Guillé · 2015

Unternehmen klagen über fehlende Spezialisten für Industrie 4.0. Jedoch vernachlässigen sie die Aus- und Weiterbildung ihrer eigenen Beschäftigten. Im Zeitalter der modernen Produktion müssen Unternehmen daher mehr in die Ressource Mitarbeiter investieren. Eine Schlüsselrolle nimmt das Personalmanagement ein.

Über Industrie 4.0 reden alle, sei es die Regierung, Unternehmer, Verbände, Forschungsinstitute oder die Medien. Das hat einen einfachen Grund: Die selbstorganisierende Produktion besitzt das Potenzial, die größte Volkswirtschaft Europas tiefgreifend zu verändern. Das gelingt aber nur, wenn die Unternehmen auch über qualifizierte Fachkräfte verfügen. „Ohne Fachkräfte kein Industrie 4.0“, erklärt Peter Körner, Human-Relations-Director für Zentral- und Osteuropa beim IT-Beratungsunternehmen Computer Sciences Corporation (CSC) in einem Essay. „Derartige Fachkräfte 4.0 sind allerdings rar, und es spricht derzeit wenig dafür, dass sich dies in naher Zukunft ändert. Eine dualakademische Ausbildung, die sowohl ingenieurswissenschaftliche als auch relevante it-Kenntnisse vermittelt, habe sich bislang nicht etabliert.

Industrie 4.0 – ein HR-Thema

Durch die Digitalisierung der Arbeitswelt ergeben sich neue Aufgaben, die es im Rahmen des betrieblichen Personalwesens zu bewältigen gilt. Ein neuer Mitarbeitertyp ist gefragt: die Fachkraft 4.0 mit interdisziplinärer Ausrichtung, fundiertem Wissen über it-Systeme und Netzwerke sowie einer hohen sozialen Kompetenz. Der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) hat unter der Überschrift „Ist Industrie 4.0 auch ein Thema für die Personaler?“ konkrete Aufgaben für die Human-Ressources-Abteilung identifiziert. Eine davon: Wie werden Unternehmen die Rufbereitschaft ihrer Mitarbeiter im Zeitalter von Industrie 4.0 entlohnen. Weil sich die digitale Transformation erheblich auf die Personalseite auswirkt, müssen sich Personalverantwortliche in Zukunft mit drei Aufgabenstellungen beschäftigen: „Wie viele Fachkräfte werden benötigt, welche Qualifikationen müssen diese mitbringen, und vor allem: Wo sollen die Fachkräfte herkommen?“, formuliert Peter Körner knapp. Denn nach der csc-Studie „Industrie 4.0 im Ländervergleich“ fehlt es an geeigneten Fachkräften: Knapp jeder Zweite (46 Prozent) der im Rahmen dieser Studie befragten deutschen Manager meint, es gebe nicht genug Fachkräfte für die Umsetzung von Industrie 4.0, in Österreich und der Schweiz liegen die Zahlen ähnlich. Folgerichtig erklären 48 Prozent der Manager, der europäische Arbeitsmarkt sei für die vierte industrielle Revolution „eher schlecht“ bis „sehr schlecht“ aufgestellt. Für die Studie hatten die Experten von csc 900 Manager aus Deutschland, Österreich und der Schweiz befragt, davon 500 aus der Bundesrepublik. Ihre Schlussfolgerung: Die größte Herausforderung für das HR-Management liegt in der Qualifizierung der eigenen Beschäftigten.

In Wissen 4.0 investieren

Bisher investieren Unternehmen noch viel zu wenig in die Aus- und Weiterbildung ihrer Mitarbeiter. Dies bestätigt Karin Werber, Geschäftsführerin des Weiterbildungsprogramms iems, dem Online-Fachportal „elektroniknet.de“: „An den Anfragen für unsere Weiterbildungskurse erkennen wir deutlich, dass die Initiative meist von den Arbeitnehmern selbst ausgeht.“ Dabei existiert seit dem Frühjahr 2013 die Fachkräfte-Plattform Academy Cube, die neben kostenlosen Onlinekursen auch Personalern die Möglichkeit bietet, nach qualifizierten Bewerbern zu suchen. Außerdem sollten Unternehmen verstärkt Kooperationen mit Hochschulen anstreben, um das Potenzial im Bereich der Weiterbildung auszuschöpfen. Doch viele Unternehmen haben auch verstanden, dass digitale Transformation und Industrie 4.0 die Aufgaben, Rollen, Prozesse sowie Zusammen­arbeit und Führung dramatisch verändern wird. In ihren Personalabteilungen müssen schnell Antworten auf die Herausforderungen gefunden werden – sonst kann die Industrie 4.0 nicht gelingen.