Industrie 4.0

Hohe Hürden, große Chancen

Von Michael Gneuss · 2018

Über die Fortschritte bei der Realisierung von Industrie 4.0 kursieren immer noch höchst widersprüchliche Einschätzungen. Viel spricht aber dafür, dass die Unternehmen aus den deutschen Leitindustrien längst verstanden haben, welche Perspektiven ihnen die Fabrik der Zukunft bietet. Doch es gibt aktuell eine ganze Reihe von Faktoren, die die Umsetzung erschweren.

Zwischen in ein Brett geschlagenen Nägeln spannt sich ein Faden. Symbolbild Vernetzung in der Industrie 4.0

Für viele Beobachter der IT-Szene war es vor Jahren einfach nur der nächste Hype, der ein paar Jahre lang die Umsätze in der IT-Industrie ankurbeln könnte. „Industrie 4.0“ ist tatsächlich ja auch eine Kreation aus der Marketing-Abteilung der deutschen Wirtschaft, ein Kunstwort, das ebenso griffig wie missverständlich ist. Doch inzwischen gilt es mehr und mehr als genialer Schachzug, auf dem Weg moderner Industrie-IT und Produktionstechnologie aus Deutschland zu Weltruhm zu verhelfen – vielleicht vergleichbar mit der Wortschöpfung „Made in Germany“, die den Aufschwung der deutschen Wirtschaft zum Exportweltmeister begleitete. 

Die deutsche Wirtschaft will bei Industrie 4.0 zum Leitanbieter werden und – fast noch wichtiger – sie muss sich als Leitmarkt positionieren. Die IT-Unternehmen arbeiten mit Hochdruck daran, ihre Angebote auf die Produktionen der Zukunft auszurichten. Schätzungsweise bietet bereits heute etwa die Hälfte von ihnen Dienstleistungen und Produkte für Industrie 4.0 an oder kann sich dies zumindest vorstellen. 

Anbieter wünschen mehr Tempo

Es wäre jedoch fatal, wenn die deutsche Industrie nicht auch zeigen würde, wie die neuen Technologien anzuwenden sind. Vor allem in den deutschen Leitindustrien wird viel davon abhängen, ob die Unternehmen ihre Wettbewerbsvorteile mit Industrie 4.0 verteidigen oder gar weiter ausbauen. Darüber, wie beherzt die Industrieunternehmen in die Thematik einsteigen, existieren indes unterschiedliche Ansichten. Die Anbieter wünschen sich von den Anwendern naturgemäß etwas mehr Tempo. Immer wieder ist zu hören, in den Unternehmen seien vielfach die Anwendungsbereiche von Industrie 4.0 noch nicht erkannt worden. Im Mittelstand gar gebe es Firmenchefs, denen der Begriff „Industrie 4.0“ noch nicht geläufig ist. 

Jedoch spricht viel dafür, dass die in Wertschöpfungsketten eingebundenen Unternehmen aus den wichtigsten deutschen Leitindustrien – wie insbesondere der Autoindustrie und dem Maschinen- und Anlagenbau – sehr wohl das Thema Industrie 4.0 auf der Agenda haben – und sich der Chancen und Risiken auch bewusst sind. Dafür sprechen auch die Erfahrungen, die VDMA-Experte Dietmar Goericke mit dem Industrie-4.0-Readiness Online-Selbst-Check gemacht hat. Seit 2015 bietet der Branchenverband des Maschinen- und Anlagenbaus für Unternehmen im Internet ein Tool an, in dem sich das Management selbst 

einen Überblick verschaffen kann, wie gut oder schlecht ihre Firmen für Industrie 4.0 aufgestellt sind. Nach anfänglich großem Interesse kommen seit etwa einem halben Jahr aber kaum noch neue Teilnehmer hinzu, berichtet Goericke, der innerhalb des VDMAs das Forschungskuratorium Maschinenbau e. V. leitet. Er folgert daraus: Die Phase der Selbstfindung in den Unternehmen ist vorüber – zumindest im Maschinen- und Anlagenbau. Die Unternehmen wissen, worum es geht. 

Der Druck kommt aus Netzwerken

Dafür sorgt letztlich auch der Druck, der aus den Produktionsnetzwerken selbst entsteht und für jeden Teilnehmer der Wertschöpfungskette schnell spürbar wird. Denn ein Kernelement von Industrie 4.0 ist nun einmal die Vernetzung – auch über Unternehmensgrenzen hinweg. 

Doch mit dem Verständnis für Industrie 4.0 allein ist es noch lange nicht getan. Der VDMA hat für die Readiness-Messung ein Modell mit sechs Dimensionen entwickelt, in denen über Erfolg und Misserfolg von Industrie 4.0 entschieden wird. Nach Einschätzung von Goericke hat die deutsche Industrie in der Dimension „Strategie und Organisation“ die wenigsten Probleme. Strategien sind vorhanden und auch die Notwendigkeit, die Unternehmenskultur und Organisation für die digitale Transformation zu verändern, ist sehr oft erkannt worden. 

Und dennoch fällt die Umsetzung schwer, denn viele Hürden sind hoch. Als eines der größten Probleme wird mehr und mehr der Fachkräftemangel erkannt. Kaum ein Konzern kommuniziert nicht, dass man gern Hunderte oder Tausende von Talenten für den kommenden Umbau der Produktion und des Unternehmens insgesamt einstellen möchte. Wer aber nicht zu den Top-Arbeitgebermarken gehört, wird die Ziele angesichts der mageren Zahlen von Hochschulabsolventen in den geburtenschwachen Jahrgängen kaum erreichen können. 

 

Quelle: EY, 2017

Der Investitionsbedarf ist hoch

Der nächste Knackpunkt ist das Geld. Unternehmen, die bereits tief in die Materie eingedrungen sind, erkennen sehr aussichtsreiche Möglichkeiten für neue Automatisierungslösungen, Produktivitätsfortschritte oder Geschäftsmodelle, die dann aber auch mit sehr hohen Investitionen und Risiken verbunden sind. Zusätzlich schreckt oft die Angst vor unbeherrschbaren Sicherheitsrisiken ab. 

Hinzu kommt ein Faktor, der zunächst sogar positiv klingt: Der deutschen Wirtschaft geht es aktuell sehr gut, die Kapazitäten sind sehr stark ausgelastet – auch im Management. Demzufolge ist die Kehrseite, dass für weitreichende und teure Projekte mit großer Bedeutung oftmals ganz einfach die Zeit der Verantwortlichen und Spezialisten fehlt. 

Und Management-Kapazitäten werden für Industrie 4.0 gebraucht. Denn für Unternehmen, die es richtig machen, sind Industrie-4.0-Projekte und Investitionen zwar zunächst mit überschaubaren Budgets und Umfängen verbunden. Denn am Anfang ist ein Vortasten in kleinen Schritten sinnvoll, bei dem auch der eine oder andere Misserfolg einkalkuliert werden muss. Doch die Erkenntnisfortschritte aus diesen Erfahrungen lassen schnell die Komplexität von Industrie 4.0 erkennen, und ebenso geben sie Einblicke über die Chancen, die umfangreiche Investitionen mit sich bringen können. 

Sechs Dimensionen von Industrie 4.0

Da ist einmal der Ausbau der Produktion zur „Smart Factory“, die der VDMA neben dem Bereich „Strategie und Organisation“ zu den sechs Dimensionen von Industrie 4.0 zählt. In der vernetzten Fabrik wird eine dezentrale und hochautomatisierte Produktion möglich. „Smart Operations“ sind eine weitere Dimension, in der es um intelligente Werkstücke geht, die den Fertigungsprozess steuern. Das Internet of Things (IoT) ist hier eine Technologie, die zum Einsatz kommt. Industrie 4.0 geht aber noch weiter – bis in die Dimension der „Smart Products“ hinein. Physische Produkte werden mit IKT-Komponenten ausgestattet, um die Grundlage für neue digitale Geschäftsmodelle zu schaffen. Schließlich steckt auch in den „Data-driven Services“ großes Potenzial. Danach werden datenbasierte Dienstleistungen in Geschäftsmodelle eingebunden. So lassen sich unter anderem auch Ausfallzeiten von Maschinen reduzieren, weil potenzielle Störungen durch Datenanalysen vorhergesehen werden. Last but noch least zählt der VDMA auch die „Mitarbeiter“ zu einer Dimension von Industrie 4.0. Denn das erfolgreiche Umsetzen entsprechender Projekte setzt qualifiziertes Personal voraus. 

Während Smart Factory und Smart Operations bereits in vielen Produktionsstätten Gestalt annehmen, fehlen in vielen Unternehmen für die neuen Geschäftsmodelle durch intelligente Produkte oder datenbasierte Services noch die zündenden Ideen. Doch das beweist nur, dass Industrie 4.0 nicht irgendein Hype ist, sondern ein wesentlicher Bestandteil der digitalen Transformation, der die Unternehmen noch über viele Jahre beschäftigen wird. Industrie 4.0 wird über den Wettbewerb entscheiden – nicht nur national, sondern auch international. Deshalb müssen auch verstärkt die Rahmenbedingungen unter die Lupe genommen und an vielen Stellen verbessert werden. 

Dabei nimmt der Ausbau der Breitband-Infrastruktur eine ganz besondere Bedeutung ein. Deutschland, als das Land der Hidden Champions, kann sich eine Infrastruktur, in der genau diese tüchtigen Mittelständler abgehängt und von der Teilnahme an modernen Produktionsnetzwerken ausgegrenzt werden, nicht leisten. Denn die starken, aber unbekannten Unternehmen, die oft zu den Weltmarktführern zählen, sitzen nicht in Metropolen wie Berlin, Hamburg, München oder Köln, sondern in ländlichen Regionen. 

So ist Industrie 4.0 eine Mammutaufgabe, an der sich alle beteiligen müssen – Unternehmer, Mitarbeiter, Verbände, Forschungseinrichtungen – und auch der Staat.

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